
Wie Wahrnehmung unsere Sexualität beeinflusst
Körperwahrnehmung ist keine feste Eigenschaft, sondern eine lernbare Beziehung zwischen Reiz, Aufmerksamkeit und Bedeutung.
Körperwahrnehmung in der Sexualität
Ein grosses Thema in der Sexualtherapie ist die Wahrnehmung der Klient*innen. Häufig hören wir Sätze wie:
„Ich spüre nichts beim Sex.“
Oder: „Es ist nicht so, wie ich es erwarte – nicht so, wie es sein sollte.“
Das bedeutet jedoch nicht, dass tatsächlich keine Wahrnehmung vorhanden ist. Vielmehr heißt es meist: Es ist nicht das, was ich mir wünsche, nicht das, was ich von anderen gehört habe oder nicht das, was ich erwartet habe.
Wenn jemand effektiv gar nichts spürt, kann dies ein Hinweis auf ein neurologisches Thema sein, das medizinisch abgeklärt werden sollte. In den meisten Fällen jedoch nehmen Menschen durchaus etwas wahr: Druck, Temperatur, Reibung, Bewegung. Für viele ist diese Wahrnehmung jedoch sehr unspezifisch, schwer einzuordnen und nicht eindeutig angenehm, wohltuend oder gar erregend.
Was dabei genau passiert, wie sich Wahrnehmung verändern lässt und wie in der Sexualtherapie mit Körperwahrnehmung gearbeitet wird, wollen wir in diesem Beitrag näher betrachten.
Die Haut als Sinnesorgan
Unsere Haut ist das grössten Sinnesorgane des Körpers. Sie ist mit verschiedenen Rezeptoren ausgestattet, die unterschiedliche Aspekte von Berührung registrieren: Druck, Vibration, Temperatur, Dehnung, Schmerz und Bewegung. Auch die Genitalien funktionieren grundsätzlich nach demselben Prinzip – sie haben keine „magischen Sonderrezeptoren“, sondern eine besonders hohe Dichte dieser Sinneszellen sowie eine starke Repräsentation im Gehirn.
Wichtig dabei ist:
Nicht die Haut „fühlt“, sondern das Gehirn interpretiert.
Ein Reiz – zum Beispiel eine Berührung – wird über Nervenbahnen ins Gehirn geleitet. Dort wird er mit bestehenden Erfahrungen, Erinnerungen, Erwartungen, Bedeutungen und Kontextinformationen abgeglichen. Erst dann entsteht das, was wir als „angenehm“, „neutral“ oder „unangenehm“ erleben.
Wahrnehmung ist also kein rein körperlicher Vorgang, sondern ein Zusammenspiel von Reiz, Aufmerksamkeit, Lerngeschichte und Bedeutung.
Warum Erwartungen Wahrnehmung blockieren können
Gerade in der Sexualität sind Erwartungen besonders stark: Bilder aus Pornografie, Erzählungen anderer, gesellschaftliche Vorstellungen von Lust, Erregung und Orgasmus. Oft gibt es eine innere Idee davon, wie es sich anfühlen sollte.
Das Problem dabei ist, wenn die reale Wahrnehmung nicht zu dieser Erwartung passt, wird sie schnell als „zu wenig“, „falsch“ oder „nichts“ bewertet.
So entsteht eine paradoxe Situation: Der Körper sendet Signale, aber das Gehirn sortiert sie als „nicht relevant“ oder „nicht das Gesuchte“ aus. Wahrnehmung wird nicht differenziert, sondern global bewertet.
Von „mag ich nicht“ zu „was ist da eigentlich?“
Ein zentraler Schritt in der Arbeit mit Körperwahrnehmung ist die Differenzierung. Statt sofort zu urteilen („mag ich“ / „mag ich nicht“), wird die Aufmerksamkeit auf einzelne Aspekte des Reizes gelenkt:
- Wie ist die Temperatur?
- Wie stark ist der Druck?
- Ist die Berührung eher flächig oder punktuell?
- Bewegt sie sich oder bleibt sie gleich?
- Ist sie rhythmisch oder unregelmäßig?
Durch diese Art der Wahrnehmung verändert sich etwas Entscheidendes:
Der Reiz wird nicht mehr sofort emotional bewertet, sondern phänomenologisch beobachtet. Das Nervensystem bekommt die Möglichkeit, neue Informationen zu sammeln, statt alte Reaktionsmuster automatisch zu wiederholen.
Aus „das mag ich nicht“ wird vielleicht:
„Es ist warm, gleichmäßig, eher sanft, ein bisschen kribbelnd, an manchen Stellen neutral, an anderen leicht angenehm.“
Und genau hier beginnt oft eine neue Form von Lust: nicht als Explosion, sondern als feine, wachsende Differenzierung.
Wahrnehmung, Nervensystem und Sicherheit
Körperwahrnehmung ist eng mit dem Zustand des Nervensystems verbunden. Wenn wir unter Stress stehen, uns unter Druck fühlen, unsicher sind oder „funktionieren müssen“, schaltet der Körper eher in Schutz- oder Leistungsmodi. In diesen Zuständen wird Wahrnehmung oft gedämpft, fragmentiert oder automatisiert.
Lust braucht etwas anderes:
- Sicherheit
- Langsamkeit
- Kontrolle über das eigene Tempo
- das Gefühl, nichts erreichen zu müssen
Erst wenn das Nervensystem in einem regulierten Zustand ist, kann Wahrnehmung sich vertiefen und verfeinern.
Körperwahrnehmung in der Sexualtherapie
Genau deshalb ist Körperwahrnehmung ein zentrales Element in der Sexualtherapie. Klient*innen werden sehr gezielt nach ihren konkreten Empfindungen gefragt, um von globalen Bewertungen wie „ich spüre nichts“ oder „das mag ich nicht“ hin zu einer direkten, präsenten Wahrnehmung zu kommen: Was ist jetzt gerade tatsächlich da?
Diese Auseinandersetzung mit sich selbst und dem eigenen Körper kann zu vielen positiven Veränderungen führen:
- mehr Zugang zur eigenen Lust
- differenziertere Wahrnehmung von Erregung
- klarere Wahrnehmung von Wünschen und Grenzen
- bessere Möglichkeit, Bedürfnisse zu kommunizieren
- mehr Genuss und Zufriedenheit in sexuellen Begegnungen
Sexualität wird dadurch weniger zu etwas, das „funktionieren“ muss, und mehr zu einem erlebbaren inneren Prozess.
Eine einfache Übung zur Vertiefung der Wahrnehmung
Eine mögliche Übung besteht darin, bewusst und langsam Kontakt mit dem eigenen Genital aufzunehmen. Zum Beispiel, indem man mit einem Finger sehr sanft streichende Bewegungen macht – etwa an den äußeren Vulvalippen oder am Penisschaft.
Die Berührung wird für einige Minuten aufrechterhalten, während die Aufmerksamkeit ganz auf den berührten Bereich gerichtet bleibt. Beobachtet werden können zum Beispiel:
- Temperatur
- Druck
- Reibung
- innere Reaktionen oder Bewertungen
Es geht nicht darum, Erregung zu erzeugen oder ein Ziel zu erreichen, sondern darum, wahrzunehmen, was gerade da ist.
Wird diese Übung über mehrere Tage oder Wochen regelmässig durchgeführt, kann sich die Wahrnehmung tatsächlich verändern: Die sensorische Differenzierung nimmt zu, Empfindungen werden klarer und lebendiger.
Wichtig ist dabei eine neugierige, wohlwollende und erwartungsfreie Haltung – nicht mit dem Ziel, etwas Bestimmtes zu erreichen, sondern mit der Absicht, sich selbst besser kennenzulernen und dem eigenen Körper aufmerksam zu begegnen.
Fazit
Körperwahrnehmung ist keine feste Eigenschaft, sondern eine lernbare Fähigkeit. Je differenzierter wir unseren Körper wahrnehmen, desto differenzierter kann auch unsere Sexualität werden.
Vielleicht ist die wichtigste Verschiebung dabei nicht die Frage:
„Was sollte ich fühlen?“
sondern:
„Was ist jetzt gerade tatsächlich da?“
Willst du tiefer in deine Körperwahrnehmung eintauchen und neue Zugänge zu deiner Sexualität entdecken? Dann melde dich gerne bei mir – ich begleite dich auf deinem Weg.
Dominique Tanner, 25. Januar 2026